Eine bewegte Geschichte

1990

Musik von, für und mit Kindern

«Musik von, für und mit Kindern» setzte den attraktiven Schwerpunkt der Ludi vocales ’90. Bereits das von Radio DRS festgehaltene Eröffnungskonzert des tschechischen Kinderchores aus Ostrava mit Chorwerken a cappella tschechischer Meister im Alten Gemeindesaal gab einen Vorgeschmack auf musikalische Leckerbissen. Solisten des Tölzer Knabenchors, begleitet vom Collegium Pro Musica, Innsbruck, begeisterten in der Katholischen Kirche unter Leitung von G. Schmidt-Gaden mit Werken von H. Schütz und J.S. Bach. Ein hinreissendes Erlebnis für Kinder und Erwachsene wurde die Nachmittagsveranstaltung mit Gertrud Schneider: Unter dem Titel «Hammer – Hits und Spiele» verstand es die Künstlerin einmal mehr, klassische Musik mit Werken von Scarlatti, Grieg, Beethoven, Schumann und Haydn spielerisch und lustvoll zu vermitteln. Wiederum in der Katholischen Kirche waren die Limburger Schola und der Limburger Domchor zu hören. Mit geistlichen Chorwerken – vom Gregorianischen Gesang über Kompositionen von di Lasso, Schütz, Pachelbel bis zu Reger und Bruckner – beeindruckten die 60 Sängerinnen und Sänger unter Leitung von Domkapellmeister Hans Bernhard. Ebenfalls zu Gast in Lenzburg waren der Chor der Bezirksschule Aarau unter Cristoforo Spagnuolo zusammen mit dem Orchester der Musikschule Baden unter Maria Forrer. Die Erstaufführung von Kretschmers «Bremer Stadtmusikanten», einer Kantate für Kinderchor, Soli und kleines Orchester im Alten Gemeindesaal fand begeisterten Beifall – Musik nicht als elitäres Ereignis, sondern zur Freude am Mitmachen. Andreas Staier – einer der weltweit führenden Cembalo- und Hammerklavier-Interpreten – hatte zum Motto der Ludi vocales ein ebenso reizvolles wie attraktives Programm mit Werken von J.S. Bach, H. Purcell über W.A. Mozart bis zu B. Bartok zusammengestellt. Der leider nur kleine Kreis von Zuhörern konnte im kommentierten Konzert nicht nur ein «pianistisches» Feuerwerk, sondern auch komponistisches Genie und eine kongeniale Wiedergabe grossartiger Werke der «Tastenliteratur» erleben.

1985

Heinrich Schütz

Umgehend wurde die Idee in die Tat umgesetzt. Einblicke in bereits angekündigte Programme zeigten rasch, dass insbesondere Bach und Händel gefeiert werden sollten. Die Initianten der Ludi vocales entschieden sich daher auf Anregung von Thomas Baldinger für ein Heinrich Schütz-Gedenkjahr. «Heinrich Schütz darf nicht vergessen werden», wurde zur Devise, denn Heinrich Schütz hatte das «Pech», in einer Welt zu leben, in der es noch keine Konzertsäle gab, in der vorwiegend geistliche Vokalmusik komponiert wurde, in der somit auch keine Sinfonien und virtuose Solokonzerte geschrieben wurden. Die Kunst Heinrich Schütz’ ist daher noch immer fast nur «Insidern» bekannt. Dabei muss sein Werk mit denjenigen aller grossen Komponisten in einem Atemzug genannt werden. Ohne Heinrich Schütz wäre der europäische Barock nicht denkbar, ohne Rückbesinnung auf sein Werk wäre die Vokalmusik unserer Zeit nicht entstanden. Die Initianten nahmen das «Heinrich-Schütz-Gedenkjahr» beim Wort: Verteilt über das Jahr 1985 fanden 12 Konzerte mit Werken von Heinrich Schütz im Mittelpunkt statt, begleitet von Kompositionen seiner Zeitgenossen und Freunde, aber auch von Werken von Komponisten unserer Zeit, die sich seiner erinnert und sich bewusst auf ihn und die Unmittelbarkeit seines klanggewordenenen Wortes bezogen haben. Entsprechend vielfältig war der Auftritt von Chören, Instrumentalisten und Solisten: der Musikverein Lenzburg, das Collegium vocale Lenzburg, das Vokalensemble Aalen (BRD), die Aargauer Lerche, der Fricktaler Kammerchor, das Collegium Quodlibet Zürich, die Aargauer Lehrergesangvereinigung, der Kammerchor Seminar Zürich und der Neue Kantatenchor. Ergänzt wurden die musikalischen Anlässe mit einer Ausstellung, zwei Vorträgen renommierter Schütz-Kenner und einem Nachtessen auf Schloss Lenzburg, komponiert mit Speisen, welche der historischen Umgebung angemessen waren.

1997

Russland und Amerika

Die MBL ’97 brachten zwei Welten zusammen und machten mit kaum je gehörten Werken vertraut. Im Eröffnungskonzert interpretierte das Animae Trio Klaviertrios von Rachmaninov, Copland, Bloch und Arensky, ein Liederabend brachte Werke von Ives, Barber Copland, Schostakowitsch und Mussorgsky, abwechslungsreich und spannend interpretiert von Victoria Benson, Sopran, mit Peter Solomon am Klavier sowie Grzegorz Rozycki, Bass, begleitet von Tomas Dratva am Klavier. «Bigband – Classics» boten die Bläsersolisten Aargau unter Cristoforo Spagnuolo – ein Blasinstrumenten-Festival mit Werken von Strawinsky, Varèse, Antheil und Bernstein. «Made in USA» dann der Abend mit den Saxophonistinnen und Saxophonisten des Arte Quartetts mit Kompositionen von Riley, Youngerman, Corea, Berne und Zappa. Russische Cellomusik von Bibik, Uspensky, Mnatsakanian, Komakov und Rachmaninov interpretierten Mark Varhavsky und Christine Lacoste zusammen mit Carlo Levi-Minzi am Klavier. Es folgte «Die lange amerikanische Nacht» eingeleitet mit Klavier- und Violinmusik, virtuos vorgetragen von Sandra Goldberg, Violine, und Robert Hairgrove, Klavier, fortgesetzt mit «Nabokov und Strawinsky: Zwei russische Künstler im amerikanischen Exil». Helmut Vogel las aus demRoman «Lolita» und Jürg Frey, Klarinette, spielte die «Trois pièces» von Strawinsky. Jürg Frey schloss den Tag mit einer Nocturne mit den «Gutenachtgeschichten» für erzählenden Klarinettisten von Tom Johnson. Das Schlusskonzert brachte in der Stadtkirchegeistliche «Brasilianische Musik aus der Kolonialzeit», vom Ensemble Turicum auf historischen Instrumenten mit den Gesangssolisten Luiz Alves da Silva und Beat Mattmüller, Kontratenor sowie Hubert Saladin, Tenor, und Michael Leibundgut, Bass, zu einem unvergesslichen Ereignis überhöht.

1998

«Klingt gut!» – Kostbarkeiten aus vier Jahrhunderten I

Mit «Dissonanzen» begannen die MBL ’98. Das Amar Quartett ergänzt mit Andreas Wahlbrink am Kontrabass und Tomas Dratva am Klavier interpretierten nach dem Dissonanzen-Streichquartett von Mozart und dem Streichquartett von Lutoslawski, in dem jedes Ensemblemitglied aufgefordert ist, seine Partie mit höchster Intensität und Eigenwilligkeit ohne Rücksichtsnahme auf die Aktionen der anderen zu spielen, das Klavierkonzert C-Dur KV 415 von Mozart, das nach den Intentionen des Komponisten auch in Begleitung eines Streichquartetts gespielt werden kann. Ein Liederabend mit Barbara Locher, Sopran, und Eva Nievergelt, Mezzosopran, zum Thema «Mondnacht» beschrieb mit ganz unterschiedlichen Fazetten die vom zarten Licht des Mondes erhellte Nacht und die Bewusstseinsebenen, die mit ihr assoziiert werden, in Liedern eines guten Dutzend Komponisten. Den «Zauber der Harfe» vermittelte Xenia Schindler in Kompositionen von Koechlin, Sofia Gubaidulina, Debussy und Ravel zusammen mit einem Instrumentalsextett. Abwechselnd auf Klavier und Cembalo interpretierten Tomas Dratva und Jörg Daniel Heinzmann, Klavier, sowie Andreas Scherer und Michael Biehl, Cembalo, «Das Wohl temperierte Clavier» von J. S. Bach – eine faszinierende Synopsis barocker Kompositionen mit Tänzen, Arien, Chorälen, Improvisationen, Recitativen, Concerti, Präludien und Fugen. «Wir geniessen die himmlischen Freuden» – Motto der Bläsersolisten Aargau mit den Sopranistinnen Eva Nievergelt und Maria Glarner-Rinderknecht unter Leitung von Osvaldo Colarusso in den «Dreimal sieben Gedichten aus Albert Girauds Pierrot Lunaire» von Arnold Schönberg und der 4. Sinfonie von Gustav Mahler, arrangiert für Kammerensemble durch Erwin Stein. Das traditionelle Chorkonzert zum Abschluss der MBL mit dem Collegium vocale Lenzburg, dem Flötenensemble I Flauti, dem Gambenensemble Orpheon Consort Wien, Thomas Vögeli, Orgel, und Gesangssolisten unter Leitung von Thomas Baldingerthematisierte unter dem Titel «Actus tragicus» in einem arrangierten Programm den Begriff Trauermusik. Aufgebaut aus drei Werkgruppen, die in unterschiedlichen Epochen entstanden sind, ergab sich eine breite Palette verschiedener Trauergesten. Neben kürzeren Stücken des 17. Jahrhunderts für Violenconsort und zwei zeitgenössischen a-cappella-Kompositionen von Tavener und Lauridsen standen zwei titelgebende Kantaten von Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach im Mittelpunkt. In zwei Vorabendkonzerten stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Klavierkurses von Peter Feuchtwanger und des Klarinettenkurses von Alan Hacker die erarbeiteten Werke in einem Programm nach Ansage vor.

2001

Nacht – Kontinente und Kulturen

Eröffnet wurden die MBL ’01 mit einer argentinischen Nacht: Das Trio Animae begeisterte mit Klaviertrios von José Bragato, Mauricio Kagel und Astor Piazzolla. Die ausführenden Musiker hatten in Buenos Aires das Glück, den persönlichen Kontakt zu Piazzollas langjährigem Freund und Mitmusiker José Bragato zu finden und dadurch exklusiv Manuskripte von dessen Arrangements von Stücken Piazzollas für Klaviertrios zur Aufführung zu erhalten. «Neue Musik und Improvisation» war der Titel für den Auftritt von zehn hervorragenden Musikern aus dem Bereich des Jazz und der Avantgarde unter der künstlerischen Leitung des Klarinettisten Kurt Weber. Alle Stücke des Programms wurden uraufgeführt, alle Werke enthalten Improvisationsteile. «Carte Blanche für Iva Bittova» – die aufgeführte Musik war «pure Magie», ständig oszillierend zwischen Volks- und zeitgenössischer Musik, alle Extreme der Lied-Interpretation ausschöpfend: Bittova lacht und weint, zwitschert und gackert, schlägt mit der Zunge, produziert Gurgelgeräusche, alles mit einer umwerfenden Mimik. Genauso ihr Spiel mit der Violine. Das Orchesterkonzert des Ensemble 65 zusammen mit dem Metric Art Ensemble unter Leitung von Cristoforo Spagnuolo und Michael Zisman, Bandoneon, als Solisten brachte eine Auswahl von Komponisten, deren Schaffen überraschende Zusammenhänge offen legten: Rota, Schtschedrin und Piazzolla stehen nicht jenseits der Avantgarde, sondern ganz in der konstruktiven und virtuosen Tradition klassisch-abendländischer Musik. Das Chorkonzert des Luzerner Ensemble Corund faszinierte mit Werken von Alain, Hakim, Durufle, Messiaen und Poulenc.

1992

Auch in Lenzburg wurden die Mittel knapp, sodass sich die Veranstalter überlegen mussten, wie – ohne Einbusse der Qualität – ein reichhaltiges Programmangebot realisiert werden kann. Lenzburg bot als Kleinstadt eine bemerkenswerte Vielfalt musikalischer Veranstaltungen: neben dem «Musikfestspiel» (vormals Ludi vocales) die «Musikalischen Begegnungen» und das Programm der «Abendmusiken» der reformierten Kirchgemeinde. Alle Beteiligten waren sich anlässlich von Gesprächen einig, dass diese Veranstaltungen der Region erhalten werden mussten. Sie hatten sich daher entschlossen, künftig eng zusammenzuarbeiten und ihre Mittel zu konzentrieren. So sollten ab 1993 das «Musikfestspiel» und die «Musikalischen Begegnungen» zusammengelegt und –erstmals im März 1993 – im Auftrag der Kulturkommission der Stadt Lenzburg eine Konzertfolge, kombiniert mit einem musikalischen Workshop unter der Bezeichnung «MBL – Musikalische Begegnungen Lenzburg» durchgeführt werden. Dabei sollen die Veranstaltungen traditionsgemäss unter einer thematischen Klammer stehen. Das Musikfestspiel ’92 wurde unter diesen Voraussetzungen zu einer «Übergangsveranstaltung», gemeinsam getragen mit der Kulturkommission der reformierten Kirchgemeinde, deren 2. Abendmusik ins Programm eingeschlossen werden konnte. Eröffnet wurde die Veranstaltungsreihe mit «magischen Klängen und Intervallen», Kompositionen und Improvisationen von Pierre Favre, Perkussion, und Tamia, Voice. «Pierre Favre und Tamia – nichts als eine Stimme und ein Schlagzeug, der Gesang und die Perkussion, die ältesten musikalischen Ausdrucksforme». Einmal mehr erwies sich Tamias Stimme als Instrument und PierreFavre als Poet am Schlagzeug – Zuhörerinnen und Zuhörer in der Stadtkirche waren ergriffen und begeistert. Ein Streichquartett um Marlyse Capt mit dem Klarinettisten Jürg Frey brachte im Alten Gemeindesaal dessen Streichquartett, komponiert 1988, zur Aufführung zusammen mit dem «Clarinet and String Quartet» von Morton Feldmann. Zum Höhepunkt der Veranstaltungsreihe wurde das Chorkonzert des Collegium vocale und instrumentale unter Thomas Baldinger. Unter dem Titel «Trauermusik» erklangen vor einem ergriffenen Auditorium die «Quatre Motets pour un temps de pénitence» von Francis Poulenc, der «Cantus in memoriam Benjamin Britten» von Arvo Pärt und die «Messe de Requiem» von André Campra.

2000

Terra incognita – Land in Sicht

Die MBL '00 ermöglichten zum 17. Mal interessante Beziehungen: Zuhörerinnen und Zuhörer, Interpretinnen und Interpreten begegneten dem italienischen Gusto in Werken Bachs und Strawinskys, Surrealismus und Buffoneskerie schillerten aus den Werken von Millaud, Schulhoff und Poulenc, der Abend «Australien – Terra incognita» entführte in musikalisch weitgehend unbekannte Gefilde. Unbekanntes neben Bekanntem galt es auch in der Klaviermusik aus Böhmen und Mähren zu entdecken und in den Werken der Familie Bach wurden im Chorkonzert neben interessanten Parallelitäten reiche Kontraste vermittelt. Ob bekannt oder unbekannt, der Reiz der MBL zum neuen Millenium lag gerade in der Begegnung, der Begegnung von Bach und Strawinsky, von Musik und Literarischem, Tänzerischem und sogar Modischem. Rückblickend ist es gelungen, ein Festival mit «ausgefallenen» Konzepten und Programmen zu etablieren, die nur für diesen Anlass einstudiert wurden und sich von üblichen Festivals abheben. Was Zuhörer und Zuschauer in den letzten Jahren gleichermassen fasziniert, ist die Verbindung verschiedener Künste. Verschiedenartigkeit und Facettenreichtum wurden dabei zum gemeinsamen Nenner aller Konzerte. Dabei traten in Lenzburg nicht die teuren und grossen Namen auf, sondern kreative Künstler, die im Aargau musikalisch gross geworden sind, zusammen mit international tätigen Musikerinnen und Musikern, welche die familiäre Atmosphäre der Kleinstadt lieben.

1986

Böhmen-Mähren

Böhmen-Mähren

Fortan wurden die Musik- und Chorfestspiele im Spätsommer auf ein verlängertes Wochenende konzentriert. «Böhmen-Mähren» stand als Motto über der «redimensio-nierten» Ausgabe der Ludi vocales im September 1986. Pikant die politischen Begleittöne: das tschechische Regime verweigerte zwei Chören die Ausreise und der tschechische Botschafter, der sein Kommen vorerst angekündigt hatte, zog sich unter Protest zurück, nachdem er vernommen hatte, dass tschechische Emigranten zwei Konzerte bestritten und Jaroslav Vejvoda-Marek zu einer Dichterlesung einlud. Der Musik indessen konnte die diplomatische Schmollerei nichts anhaben. Mit der Erstaufführung des D-dur Requiems von Jan Dismas Zelenka vollbrachten der Berner Kammerchor, ein Solistenquintett und «La Stailetta» Basel unter Leitung von Ewald Dähler eine musikalische Pioniertat; das Collegium vocale Lenzburg unter Thomas Baldinger (Foto) stellte die Tschechischen Madrigale und die Kantate Mikešz hor von Bohuslav Martinus in den Mittelpunkt seines Konzertes; unter Leitung von Urs Stäuble erklangen in der Stadtkirche das Vater unser von Leoš Janácek und die Messe D-Dur von Antonin Dvorák, dargeboten vom Fricktaler Kammerchor zusammen mit Vokal- und Instrumentalsolisten; im Alten Gemeindesaal versetzten die Adliswing Jazzman – eine Gruppe aus der Tschechoslowakei emigrierter Musiker unter ihrem Leader Ivan Kubias – das Publikum bei Tanz, Pils und Linsensuppe in gehörige Stimmung; auf dem Metzgplatz entzückte «Volklor 75», die junge tschechoslowakische Tanzgruppe in der Schweiz, Gross und Klein bei Speis und Trank mit der traditionsreichen Kunst des Volkstanzes ihrer Heimat. Im Stadtratszimmer des Rathauses schliesslich gab Jaroslav Vejvoda-Marek eine beeindruckende «literarische Soirée». Im Rund zeitgenössischer tschechischer Autoren fehlte auch Vaclav Havel nicht, dessen «Gartenfest» die absurde Wirklichkeit des tschechischen Alltags ins Rathaus zu Lenzburg brachte – im Visier die Diener des Systems, dessen anpässlerisches Verhalten er dabei schonungslos entlarvt.

2002

On the road

Die «Sommernacht in Madrid» begann stilgerecht mit Boccherinis Quintetto «La musica notturna di Madrid», hinreissend gespielt vom Ensemble Turicum auf historischen Instrumenten, fortgesetzt mit Sequidillas und Canciónes aus der Feder von Blas de Laserna, José Castel und Luis Misón, mit musikalischem Charme und subtilen Koloraturen vorgetragen vom Kontratenor Luiz Alves da Silva und strahlend lächelnd mit anmutigen Schritten und Kastagnetten untermalt von Giorgia. Weiter ging die Reise mit «Ikarus’ Flug über die West Side», Werke von Ligeti, Markevitch, Piazzolla und Bernstein für zwei Klaviere und Schlagzeuge. Die Pianisten Philipp Meier und Christian Zaugg legten zusammen mit Benjamin Brodbeck, Marc Rebetez und Markus Schmid an Schlagzeugen derart los, dass das Publikum explodierte. Im Rotary-Zelt auf dem Metzgplatz sorgte das Ensemble Kalandos mit Zigeunermusik aus Ungarn für ein Volksfest. Unter dem Titel «Pèlerinages» lud Tomas Dratva mit Werken von Granados, Mompou, Liszt, BartóK und Balakirev zu einer Pilgerreise von Spanien bis in den Kaukasus ein. «Französisches» bot das Kammerorchester 65 unter Cristoforo Spagnuolo mit den Solisten Stefan Müller an der Orgel und am Cembalo und Reto Baumann an Pauken mit Werken von Lully, Poulenc, de Grigny und Aain. «Irdische Kraft und himmlische Klarheit» mit finnisch-urgischer Vokalmusik schuf das fünfköpfige Frauenensemble «MeNaiset» aus Finnland und führte die faszinierten Zuhörerinnen und Zuhörer «in magische Welten musikalischer Trance». Für Kinder und Junggebliebene spielte Ursula Steinmann im Puppentheater Grafenstein, musikalisch mit dem Akkordeon von Sabine Bachmann-Frey untermalt, das Musiktheater vom «Teufel mit den drei goldenen Haaren».

1999

«Klingt gut!» – Kostbarkeiten aus vier Jahrhunderten II

Im Zentrum des Eröffnungskonzertes unter Leitung des Klarinettisten Alan Hacker stand das Werk «Façade – An Entertainment», das William Walton nach Gedichten von Edith Sitwell komponiert hat. Eine Music Hall Suite verschiedener Komponisten machte den Hintergrund für Waltons musikalisches Aufwachsen fassbar – Musik verbunden mit Witz und Ironie, wie sie als populäre Unterhaltungsform gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Englands Music Hall Theaters verbreitet war. Anlässlich des 40. Todestages von Bohuslav Martinu präsentierte das Animae-Trio zusammen mit dem slowakischen Flötisten Ján Figura ein Programm mit Musik des bedeutenden tschechischen Komponisten in einer Gegenüberstellung mit Werken von Joseph Haydn. Beide Komponisten hatten in ihrem Wesen manches gemeinsam: schier unerschöpflichen Schaffensdrang und unbändige Experimentierfreude. Ein «Portrait junger Komponisten» zeichneten das Arte Quartett und das Streichtrio der Camerata Variabile zusammen mitMario Veluti, Saxophon, Maria Efsthation, Gitarre, Sven Bachmann, Bassklarinette, und Tomas Dratva, Klavier, jeweils mit einer Werkeinführung der Komponisten Nadir Vassena, Massimo Botter und Dieter Ammann. «Romantische Orchestermusik junger Genies» bot das Orchester Capriccio Basel auf historischen Instrumenten mit Dominik Kiefer als Solisten unter Leitung von Cristoforo Spagnuolo mit Werken von Rossini und Mendelssohn. Glanzvoller Abschluss bildeteClaudio Monteverdis «Vespro della Beata Virgine» aus Anlass des 20jährigen Bestehens des Collegium vocale Lenzburg unter Leitung von Thomas Baldinger. Wesentlich zum einmaligen Erlebnis trugen die Gesangssolisten aus Italien, die Bläserinnen und Bläser des Orchestra Barocco di Bologna, das Continuo Cappriccio Basel und die Gregorianikschola unter Marco Brandazza bei. Auch 1999 stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Klavierkurses von Peter Feuchtwanger und des Klarinettenkurses von Alan Hacker in zwei Vorabend-konzerten die erarbeiteten Werke in einem Programm nach Ansage vor.

1989

In memoriam

In memoriam

Unter dem Motto «Höfische Musik» standen 1989 Chor- und Instrumentalwerke im Mittelpunkt, die zu Ehren anderer Musiker, als Dank an Gönner und Mäzene oder als Huldigung an «Frau Musica» selbst durch die Jahrhunderte komponiert worden waren. Einmal mehr war es gelungen, einen international renommierten Kreis von Ensembles und Interpreten zu verpflichten. Die Konzertreihe wurde eröffnet mit der Cappella Traiectina aus Utrecht. Das 20köpfige Ensemble unter seinem renommierten Leiter und Musikwissenschaftler Jan Boogaarts brachte unter der Klammer «Staatsmotette» Werke aus wichtigen Epochen der Musikgeschichte zu Gehör. Tags darauf spannten Michael Schopper, Bassbariton, und Andreas Staier, Hammerflügel, den Bogen mit einem Liederabend weiter vom Barock zur Romantik. Die beiden weltbekannten Interpreten führten die Spur von C. Ph.E. Bach über Chr.W. Gluck, W.A. Mozart und L. van Beethoven zu F. Schubert. An der Sonntagsmatinée nahm das Basler Linde-Consort – mit alten Instrumenten - den thematischen Faden in gewohnt sprühend-erfrischender Musikalität mit instrumentalen Werken u.a. von Händel und Haydn auf und zum feierlichen Abschluss sorgten das Collegium vocale Lenzburg zusammen mit dem Collegium instrumentale sowie namhafte Solisten unter Leitung von Thomas Baldinger (Foto) mit den Caecilien-Oden von H. Purcell und G.F. Händel, beide komponiert für das «Festival of St. Cecilia» zu Ehren der Schutzpatronin der Musik dafür, dass «music shall untune the sky», wie es im grossartigen Schlusschor in Händel’s Ode heisst.

1988

Höfische Musik

«Höfische Musik» bestimmte die dreitägigen Chor- und Musikfestspiele im September 1988. In der festlich geschmückten, bis auf den letzten Platz gefüllten Stadtkirche begeisterte das Hilliard Ensemble London unter Paul Hillier, das zwei Tage zuvor an den Internationalen Musikfestwochen in Luzern bereits Triumphe gefeiert hatte, mit a capella-Werken des 15. und 16. Jahrhunderts unter dem stimmigen Titel «Pasttimes to delight the mind» – eine Bestätigung auch für die Veranstalter, das vielleicht noch etwas gewagte Unterfangen solcher Festspiele zum bleibenden Bestandteil im regionalen Konzertleben werden zu lassen. Auf dem Metzgplatz boten die Musica Antiqua Ambergensis Regensburg zusammen mit dem Pantomimen-Ensemble Erlangen unter Leitung von Helmut Schwämmlein höfische Tanzmusik der Renaissance, ein bunter Strauss vom Kompositionen dargeboten mit einer Batterie von Streich-, Zupf-, Blas- und Schlaginstrumenten aus der Zeit. Abends im Rittersaal boten dieselben Ausführenden den Zuhörern und Zuschauern mit der Madrigalkomödie von Giovanni Croce «Triaca musicale» («Musikalische Heilmittel») eine schweizerische Erstaufführung – ein einzigartiges Erlebnis. Ein Kontrastprogramm dann in einer Matinée im Alten Gemeindesaal: Maria Becker rezitierte Texte von Brecht und das Collegium vocale Lenzburg unter Thomas Baldinger begeisterte mit Vertonungen von Brecht-Texten von Hanns Eisler. Krönender Abschluss der Ludi vocales ’88 bildete eine «Michaelisvesper» von Claudio Monteverdi für Soli, Chor und Orchester in der Stadtkirche. Pater Roman Bannwart mit seiner Schola Romana Einsidliensis/Lucernensis und Alois Koch mit dem Akademiechor Luzern und den Barocksolisten des Collegium Musicum Luzern hatten aus der Sammlung der 1640 erschienenen «Selva morale e spirituale» - eine Auswahl geistlicher Kompositionen - unter Einbezug gregorianischer Antiphonen und Responsorien eine Vesper geschaffen und damit auch die späte Kirchenmusik Monteverdis einer begeisterten modernen Zuhörerschaft zugänglich gemacht.

1984

Ein Frühsommerabend «Im Hof» zu Lenzburg im lauschigen Garten bei einem guten Glas Wein.

Die Gesprächsrunde diskutiert die Idee, in Lenzburg ein Musikfestspiel ins Leben zu rufen. Anstoss gaben die «Tage alter Musik» in Regensburg, wo jeweils über Pfingsten in historischen Sälen und Kirchen eine Konzertreihe veranstaltet wird. Bot sich Lenzburg mit seiner historischen Ausstrahlung, seiner Altstadt und schönen Konzerträumlichkeiten wie dem eben renovierten «Alten Gemeindesaal», der Stadtkirche und dem Rittersaal nicht geradezu an, im Kleinen etwas Ähnliches zu wagen? Kristallisationspunkt sollte geistliche und weltliche Vokalmusik unter Einbezug instrumentaler Werke sein, bewusst eingeschränkt auf den Kammerchor unter Verzicht auf die grossen romantischen Klangapparate. Die alte Musik sollte aber auch auf stilistischer wie thematischer Ebene in spätere Epochen bis in die heutige Zeit ausstrahlen. Ebenso sollte das kulturelle Umfeld unter Einbezug der Literatur, des Theaters, des Tanzes und der bildenden Künste zur Darstellung gelangen. Ein Name war rasch gefunden: «Ludi vocales» – Vokalfestspiele. Der Zeitpunkt erwies sich ausserdem als günstig: der Europarat hatte 1985 zum «Europäischen Jahr der Musik» erklärt. Anlass dazu boten die Jubiläen hervorragender Träger europäischer Musikgeschichte und –tradition: Johann Sebastian Bach (1685), Georg Friedrich Händel (1685), Domenico Scarlatti (1685) und Heinrich Schütz (1585).

1994

Das menschliche Mass – Italienische Musik aus 400 Jahren

Das menschliche Mass – Italienische Musik aus 400 Jahren

Zu einem nicht alltäglichen Hörvergnügen wurde das Eröffnungskonzert der MBL ’94 mit Evelyn Tubb (soperan) und Anthony Rooley (Laute), zwei Exponenten des weltberühmten «Consort of Musicke» aus London mit Werken von Monteverdi und Sigismondo d’India. Drei Vorabendkonzerte waren Klavier- und Kammermusik gewidmet: Jean-Jaques Dünki spielte auf dem Hammerflügel 18 Essercizi von Domenico Scarlatti; Beata Wetli meisterte mit Werken von Bach, Scarlatti, Galuppi, Paradies, Rutini, Platti, Cimarosa und Rossini einen Seiltanz zwischen modernem und historischem Flügel – witzige, brillante Klaviermusik von bei uns so gut wie unbekannten Komponisten des 18. Jahrhunderts. Moderne Werke dann am dritten «Vorabend» von Scelsi, Maderna und Berio – Beleg dafür, dass der Humor in der Musik nicht verloren gegangen ist. Die Moderne blieb tonangebend: ein Ensemble der Musikalischen Begegnungen – Serenata – begeisterte unter Leitung von Cristoforo Spagnuolo mit Kompositionen von Nono, Maderna, Dallapiccola und Berio; Hansheinz Schneeberger(Violine) gab zusammen mit seinem Schüler Kolja Lessing ( Violine/Klavier) eine ungewöhnliche Werkschau italienischer Musik von Pizzetti bis zu einem Solo von Donatoni. Abschluss und Krönung der Konzertreihe war das Oratorium «canti di prigionia» von Dallapiccola mit dem Collegium vocale Lenzburg, Carla Henius (Stimme) und einem Instrumental- und Schlagzeugensemble unter Leitung von Thomas Baldinger.Eindrücklich, wie Dallapiccola Gefangenschaft, Tod und seelische Qual in Musik fasst. Ergänzt war das Hauptwerk mit hochdifferenzierter Schlagzeugmusik von Nono und Feldman sowie einem Werk für Klavier und Tonband von Nono. Parallel zu den Konzerten fanden Kurse statt: «Favola in musica» – Idea and Demonstration in 17th Century Song» mit Evelyn Tubb und Anthony Rooley; Italienische Klaviermusik von Scarlatti bis Rossini mit Peter Feuchtwanger sowie Vokalmusik des 20. Jahrhunderts von Dallapiccola, Nono und Stäbler für Gesang mit Carla Henius. Ein Symposium über Dallapiccola, Maderna, Nono und Berio fand ein interessiertes Fach- und Laienpublikum.

1993

Ungarische Musiklandschaft

Die Musikalischen Begegnungen Lenzburg ’93 fanden zu Ehren des 70. Geburtstags von György Ligeti ausnahmsweise im März unter dem Motto «Ungarische Musiklandschaft» statt. Prominente Gäste waren Marta und György Kurtág, die im Eröffnungskonzert «Von Esterhása ostwärts» am Klavier eigene Werke und Transkriptionen vortrugen. Christine Whittlesey, Sopran, Judith Horváth, Viola, Hansheinz Schneeberger, Violine, Thomas Fischer, Kontrabass, und Matthias Würsch, Cimbalom, ergänzten das Programm mit zwei Liederzyklen und dem «Splitter opus 6 für Cimbalom» von György Kurtág. Während des Festivals nutzten Berufsmusikerinnen und –musiker die Gelegenheit zum Besuch eines Arbeitskurses mit György Kurtág, an welchem ein Werk von Haydn, Bartók oder Kurtág erarbeitet werden konnte. Im Sinfoniekonzert der Serenata Basel unter Olivier Cuendet erlebte das Kammerstück VIII von Jean-jaques Dünki seine Uraufführung umrahmt vom Mikro-Präludium für Gitarre und Viola sowie der Kammerorchesterfassung «Grabstein für Stephan» von Kurtág und der Sinfonie Nr. 44 von Haydn. Kammermusik von Sandor Veress, György Ligeti und János Tamás fanden begeisterte Aufnahme an der Sonntagsmatinée. Ins Zentrum seines Programms stellte das Aargauer Vokalensemble Musica Vocalis Rara unter Leitung von Thomas Baldinger die sieben Sätze des traditionellen Requiems, für einmal allerdings nicht als Werk eines einzelnen, sondern vielmehr als zusammengestellten Zyklus mit Sätzen einzelner Komponisten, angefangen beim gregorianischen Repertoire über Vertonungen aus Renaissance und Barock bis zum 20. Jahrhundert. Zum Abschluss erklang die Communio «Lux Aeterna» von György Ligeti, zum Eingang, Zwischenspiel und Schluss interpretierte Thomas Vögeli an der Orgel drei weitere Werke von Ligeti. Erneut war auch Peter Feuchtwanger Gast der MBL. Sein Klavier-Meisterkurs stand unter dem Thema «Haydn und Liszt».

1995

«Ritmica» – Mass der Bewegung

«Ritmica» – Mass der Bewegung

Jede Musik ist immer auch Rhythmus – entsprechend vielfältig präsentierten die Konzerte der MBL ’95 Werke von der Gregorianik bis zur Avantgarde. Zum Auftakt stellte Peter Feuchtwanger eigene Kompositionen, die durch rhythmische Impulse der aussereuropäischen Musik geprägt sind, vor, Beata Wetli interpretierte die Begegnung zwischen Ost und West auf dem Klavier. «Toccaten und Fantasien» war das Thema des Klavierkurses von Peter Feuchtwanger, und unter dem Titel «Lasciatemi Toccare» erklangen Toccaten von Schumann bis Prokofjew auf dem Klavier mit Jeffrey Cohen und Christopher Cheung im Alten Gemeindesaal, anschliessend gab Elisabeth Frey-Bächli auf der Orgel der Stadtkirche einen mehr als informativen Querblick durch das Toccatenschaffen grosser Meister – Frescobaldi, Bach, Froberger,Seixas, Sweelinck. Natürlich durfte auch Jazz nicht fehlen: Mit «All that Jazz» brachten die Bläsersolisten Aargau und Martin Jäger am Klavier unter Leitung von Cristoforo Spagnuolo (Foto) mit der Jazz-inspirierten «Rhapsody in Blue» von George Gershwin und der «Kleinen Dreigroschenmusik» von Bruno Weill das Publikum in Bewegung. «Ritmica 1950» - Klavier- und Kammermusik von Bernd Alois Zimmermann und Arnold Schönberg in einem Vorabendkonzert, anschliessend aufregende Einblicke in die Entstehung einer neuen Tonsprache nach dem zweiten Weltkrieg mit Musik von Messiaen, Cage, Stockhausen und Zimmermann in einem Klavierrezital mit Bernhard Wambach, einem der hervorragendsten Interpreten neuer Musik. Wambach leitete auch einen Klavierkurs über «Das Klavierwerk Bernd Alois Zimmermanns und die Klaviermusik der 1950er Jahre». Im musikalischen Dialog «Intercomunicazione» standen Werke von Zimmermann und Beethoven für Violoncello und Klavier vermittelt von Pierre Strauch und Jean-Jaques Dünki. Unter Leitung von JürgFrey begleitete das Ensemble der MBL Jaccard/Schelling/Bertinelli – eine der innovativsten Tanzgruppen der Schweizer Szene - in einer neuen Choreographie der «Sixteen Dances» und «Three» von John Cage im Brutelsaal der Rudolf-Steiner-Schule in Schafisheim zu einem faszinierenden Abend an Ideenreichtum und Experimentierfreude. Im Abschlusskonzert vokales Schaffen mit Werken von Strawinsky, Machaut, Reich, Vogel und Berio: Das Collegium vocale Lenzburg unter Thomas Baldinger wartete dabei mit einigen Extras auf, etwa demSanctus und Agnus Dei aus Machauts «Messe de nostre Dame» aus dem 14. Jahrhundert, von Bruno Stöckli mit den Mitteln des 20. Jahrhunderts zu einem Instrumentalsatz umgeschrieben und mit Steve Reichs «Clapping Music», Rhythmus mit minimalstem Aufwand. Erstmals luden die Läden in Lenzburg mit Bildern von Frank Studer zum Festival ein. Mit seiner Kamera war er regelmässig Beobachter der MBL und hat Proben und Konzerte mit sicherem Gefühl für atmosphärisch dichte Momente fotografiert.

1996

Doppelbegabung

Ein atemberaubender Gang durch die Musik: Komponisten als Kochkünstler, Philosophen, Maler, Schriftsteller und Dichter -Dichterinnen, Philosophen und Alleskönner als Komponisten. Mit einer Schönberg-Matinée eröffneten Jean-Jaques Dünki mit Klavierstücken Schönbergs und der Schauspieler Adolph Spalinger mit Texten von Arnold Schönberg den Reigen der «Doppelbegabungen» der MBL ’96 im Burghaldenhaus. Lieder von Adorno, Mahler, Wagner, Schreker und Zemlinsky mit Franziska Hirzel liessen Philosophen, Schriftsteller, Dirigenten und Hofoperndirektoren als Komponisten erleben. Klaviertrios von Charles Ives, weltgewandter Versicherungsfachmann, und Peter Mieg, begnadeter Maler, spielte und kommentierte das Animae Trio. Flamenco-Zauber von Manuel de Falla und Federico Garcia Lorca, grosser Dichter und allseitig begabter Künstler, brachten die Bläsersolisten Aargau unter Leitung von Cristoforo Spagnuolo zusammen mit der Tanzgruppe «El Candil» auf die Bühne. In Lenzburg durfte ein Portrait von Peter Mieg nicht fehlen. Das Streiff Trio zusammen mit Wilhelm Waltz (Violine) und Jean-Jaques Dünki (Klavier) machten die Doppelbegabung des Komponisten und Malers mit Liedern und Kammermusik aus der frühen und späten Schaffenszeit greifbar. Zusammen mit Michael Schneider leitete Jean-Jaques Dünki ausserdem einen Kammermusikkurs in Zusammenarbeit mit der Peter Mieg-Stiftung. Raffinierte Salate, die Cannelloni und das berühmte «Tournedos» sind neben dem «Barbier von Sevilla» unsterbliche Köstlichkeiten Rossinis. Musik und kaltes Buffet mit italienischen Spezialitäten gaben die richtige Mischung der «Soirée Rossini – wir bitten zu Tisch!», hinreissend bespielt von Beata Wetli und Debora Allenspach am Klavier, besungen vom «Buffo» Ulrich Amacher und der Sopranistin Annette Labusch und kommentiert von Cristoforo Spagnuolo. Rousseau, Nietsche, Cornelius, Hildegard von Bingen, Adorno, von Droste-Hülshoff, E.T.H. Hoffmann und Karl May – mit kostbaren Raritäten von Komponisten und Komponistinnen, die hauptberuflich einen anderen Beruf ausgeübt haben, prägte das Collegium vocale unter Thomas Baldinger zusammen mit Susanne Oldani (Sopran), Tobias Willi (Klavier) und einem Streichquartett den Schlussabend in der Stadtkirche.

1991

Cantat Helvetia

Cantat Helvetia

Fas «Musikfestspiel Lenzburg ’91» stand im Zeichen der 700-Jahrfeier der Eidgenossenschaft. Der Regierungsrat hatte auf Anregung des Stadtammanns Lenzburg zum Zentrum des kantonalen Musikprogramms erkoren und die Organisation den «Ludi vocales» übertragen. «Cantat Helvetia» – die Schweiz musiziert – wurde zum sinnigen Motto, im Mittelpunkt Komponisten und Interpreten aus der Schweiz. Das Eröffnungskonzert bestritten der St. Galler Kammerchor unter Niklaus Meyer zusammen mit dem Honsa-Bläserquintett und das Neuenburger Vokalensemble «Da Camera» unter Pascal Mayer zusammen mit dem Bläserquartett «Novus» -Gäste aus den Partnerkantonen des Aargau – mit Auftragskompositionen von Paul Huber und Emile de Ceuninck im Rahmen der CH 91 als Schwerpunkte.In memoriam Peter Mieg spielte das Streichsextett Zürich das Sextuor 1989, das der Komponist im Hinblick auf die 700-Jahrfeier komponiert hatte. Peter Mieg war vor Jahresfrist verstorben – jetzt wurde der Abend mit der Uraufführung zu einer Erinnerungsfeier. «Stubete» im Alten Gemeindesaal mit der Lauwiser Dorfmusik – sechs Berufsmusikern ausführenden Schweizer Sinfonieorchestern – und der «Quadrigula» – vier Berufmusikern mit der eher ungewöhnlichen instrumentalen Besetzung Streicher, Blockflöten und Mandolinen. Im Mittelpunkt des Konzertes standen die Tänze des völlig vergessenen Entlebucher Komponisten Ferdinand Lötscher sowie kammermusikalische Volksmusik aus der Feder von René Armbruster. Der 80köpfige Männerchor «La Chorale du Brassus» unter André Charletbegeisterte Zuhörerinnen und Zuhörer zum 700. Geburtstag der Schweiz mit Chormusik von «Westschweizer Komponisten von gestern und heute» eingebettet in geistliche Werke von der Renaissance bis hin zu einer Messe von Charles Gounod. Musik von und mit Jean Daetwyler dann im Rittersaal: «La Chançon du Rhône» zusammen mit der Tanz- und Instrumentalgruppe «Les Zacheos» faszinierten mit Kompositionen inspiriert von den alten Wallisertraditionen. Im Burghalden-Haus bereiteten Peter Bertschinger und Mega Horvath mit Lautenlieder und den Simplicissimus»-Gedichten von Frank Wedekind unter dem Titel «Ich hab meine Tante geschlachtet» eine vergnügliche Matinée (Foto). Zum «Mozart-Jahr» stand eine ungewöhnliche Premiere, ja sogar eine Weltpremiere ins Haus: Mozarts Requiem in solistischer Besetzung, interpretiert auf Originalinstrumenten durch das Ensemble Contrapunctus und einem illustren Solisten-Oktett unter Leitung von Josua Rifkin, dem amerikanischen Dirigenten und Musikwissenschaftler von Weltrang. Mozarts Musik wurde unmittelbar sprechend und gewann in unglaublichem Ausmass an Farbe. Mit ebenso ungewohnten Farbnuancen fesselte Colin Lawson auf einem Instrument aus der Zeit Mozarts mit dem Klarinettenkonzert.

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